Huntington/ West Virginia (USA)
15 November 1996
Sie lag auf ihrem
blutroten, weichen Velourteppich und starrte mit ihren Schokoaugen an die
Decke. Nichtwissend was sie heute Abend unternehmen sollte. Es war ihr
neunzehnter Geburtstag, doch Mary-Lou war er egal. Denn weder ihre Mutter noch
ihre Großmutter interessierten sich großartig dafür. January, ihre Mutter
arbeitete heute mal wieder bis in die tiefe Nacht um sie und ihre Grandma Jacky
irgendwie durchzubringen und um das alte Haus von Grandma zu halten. Denn Greg,
ihr Vater, auf den sie nicht mehr so gut zu sprechen war, als er sie und ihre
Mutter vor sieben Jahren verlassen hat, er hatte längst eine neue Familie mit
einer tollen jungen Frau und zwei Kindern. Eine typische
Vorzeigevorstadtfamilie eben. Und natürlich lebten sie in dem Haus, indem sie
mit ihrer Mutter zuvor gelebt hatten. Aber ihre Mutter war ja selbst schuld,
fand Malou, wie sie von den anderen liebevoll genannt wurde. January musste ja
rumhuren. Greg erwischte January als er etwas eher als üblich von der Arbeit
nach Hause kam. Da lag sie mit irgendeinem schmierigen Kerl im Bett, wie sich
später herausstellte war es Carl, der Filialleiter vom Singamarket um die Ecke
gewesen, dort hatte ihre Mutter nämlich mal gearbeitet. Doch auch diesen Job
verlor sie dann genauso wie Carl. Seitdem wechselte sie die Jobs wie Unterhosen
ebenso wie ihre Liebhaber. Malou hasste das am meisten an ihrer Mutter. In der
Nachbarschaft wusste jeder über die Familie Blackley Bescheid. Malou schämte
sich ein wenig für ihre umtriebige Mutter. Aber nun hatte sie wenigstens ihren
Mädchennamen wieder angenommen und somit hatten die Leute in der Schule keine direkte Verbindung mehr zu ihr und ihrer
Mutter. Grandma verbrachte den ganzen Tag damit Zeitung zu lesen und dabei
schwarzen Kaffee zu trinken. Wenn ihr langweilig wurde machte sie den alten
Fernseher an und schaute sich > Der Preis ist heiß < an oder ihre
Lieblings Mysteryserie Akte X. Am Abend, vor dem schlafen gehen, schaute sie
sich alte Fotoalben an. Sie betrachtete eines immer sehr lange. Wahrscheinlich
war es das mit Mary-Lous Großvater, der vor ein paar Jahren unerwartet an Krebs
starb. Malou hatte ein inniges Verhältnis zu ihrem Großvater, als ihr eigener
Vater die Familie verließ, war Grandpa Jared ihr bester Freund und engster
Vertrauter gewesen. Sein Tod riss ihr fast das Herz raus und sie konnte ihn bis
heute nicht richtig verarbeiten. Malou lag immer noch auf dem weichen Teppich
und starrte Löcher in die Decke. Ihre silberfarbenen und aufwendig verzierten
Wurfmesser hatte sie stets neben sich in einem kleinen cremefarbenen
Samtköfferchen liegen. Sie war eine gute Messerwerferin. Ihr liebstes Hobby war
es diese in jede Wand, Tür oder Decke zu werfen. Das stumpfe Geräusch das die
Messer machten wenn sie irgendwo eindrangen mochte sie am meisten. Der Gedanke,
dass sie eines Tages ihrem Vater gehört hatten, stimmte sie etwas
melancholisch. Greg war in den späten Siebzigern beim Zirkus >Romantikadiablo<
der beste Messerwerfer weit und breit gewesen. Doch als er einmal fast einen
Zuschauer beinahe und ausversehen, bei einer Messershow erstochen hatte, war er
seinen Job los und so bekam Malou mit fünf Jahren die einzigartigen Messer
geschenkt. Auch wenn ihre Mutter dagegen war wollte Malou das Messerwerfen
erlernen. Plötzlich riss sie das schrillende Telefon aus ihren Gedanken. Sie
schlüpfte hastig in ihre schweren schwarzen Boots und polterte die Treppe
hinunter bis zur Küche. Malou schnappte sich den Hörer und rief außer Atem
>>Hallo? <<.
Am anderen Ende der Leitung hörte sie ein leises knistern bis kurz darauf ihr
eine bekannte und liebevoll klingende Stimme antwortete.
>>Hey Malou! Happy B. – Day. <<
Es war ihre beste Freundin
Candice Sunny Summers.
>>Ach, Candy. Danke
liebes. <<, sagte Malou schon fast traurig.
>>Ich habe eine
kleine Überraschung für dich. Und zwar… <<, erzählte Candy.
Malou unterbrach sie.
>>Du weißt doch, ich hasse Überraschungen. <<
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen